26. Juni 2026
Vom Öl zur Energiewende: Wie die Golfstaaten die grüne Transformation mitgestalten
ein Gastbeitrag von Clara Lerpscher
Es scheint auf den ersten Blick überraschend, dass Länder, die vor allem für ihre fossilen Brennstoffe bekannt sind, nun im Kontext erneuerbarer Energien auftauchen. Doch was zunächst paradox erscheint, entspricht den zukunftsorientierten, wirtschaftlich diversifizierten und innovativen Entwicklungsstrategien, die die Länder der Arabischen Halbinsel entwickelt haben und konsequent vorantreiben.
Saudi-Arabien, die VAE und Oman als neue Energie-Vorreiter
Besonders die drei GCC-Staaten Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und zunehmend auch Oman gelten als Vorreiter der Region. Die Projekte reichen von der Nutzung der Solarenergie bis hin zur Produktion von grünem Wasserstoff. Die Golfregion verfügt dabei über mehrere Standortvorteile: Neben einer hohen Sonneneinstrahlung besitzt sie ein großes Potenzial für Windenergie sowie eine strategisch äußerst günstige Lage zwischen Europa, Afrika und Asien. Der Sektor erneuerbarer Energien nimmt in den Zukunftsvisionen aller drei Länder einen zentralen Platz ein und offiziellen Zahlen zufolge investieren die gesamten GCC-Staaten bis 2030 über 200 Mrd US Dollar in den Ausbau der Branche.
Saudi-Arabien: Vom Ölgiganten zum Wasserstoff- und Solarakteur
Das größte Land der Region, Saudi-Arabien, verfolgt das Ziel, bis 2030 eine Kapazität von 165 Gigawatt aus erneuerbaren Energien aufzubauen und hat die Vereinigten Arabischen Emirate als führende Nation im Bereich der erneuerbaren Energien mittlerweile eingeholt. Hierfür nutzt das Königreich seine geografischen Voraussetzungen und errichtet großflächige Solar- und Windparks wie Shuaibah 2 und Dumat Al Jandal. Darüber hinaus setzt Saudi-Arabien massiv auf die Produktion von grünem Wasserstoff und verfolgt das Ziel, zu einem weltweit führenden Produzenten sowie Exporteur dieser Energieform zu werden.
Die Vereinigten Arabischen Emirate: Nachhaltigkeit als Innovationsstrategie
Die Vereinigten Arabischen Emirate investieren bereits seit 2006 gezielt in den Ausbau erneuerbarer Energien und setzen dabei insbesondere auf die in der Region reichlich vorhandene Solarenergie. Der Ausbau dieses Sektors ist Teil einer langfristigen Strategie, mit der die VAE ihre Wirtschaft diversifizieren und ihre Position als globaler Innovations- und Investitionsstandort stärken wollen. Eine zentrale Rolle spielt dabei Masdar, ein global agierendes Energieunternehmen mit Sitz in Abu Dhabi, das weltweit in Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien investiert. Masdar verfolgt das Ziel, sein globales Portfolio bis 2030 auf eine Kapazität von 100 Gigawatt auszubauen. Ergänzend dazu gilt Masdar City als eines der bekanntesten Nachhaltigkeitsprojekte der VAE und dient seit 2006 als Modellstadt für nachhaltige Stadtentwicklung, Forschung und grüne Technologien. Aktuell arbeiten die Vereinigten Arabischen Emirate an einem innovativen Gigascale-Projekt, das ein 5,2-Gigawatt-Solarkraftwerk mit einem Batteriespeicher von 19 Gigawattstunden verbindet und dadurch eine kontinuierliche Grundlastversorgung gewährleisten soll. Ergänzt werden diese Bestrebungen durch internationale Partnerschaften: So wurde kürzlich mit dem französischen Unternehmen TotalEnergies ein Joint Venture im Umfang von 2,2 Milliarden US-Dollar vereinbart, das sich auf Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien sowie auf Onshore-Aktivitäten in verschiedenen asiatischen Ländern konzentriert.
Oman: Grüner Wasserstoff als Zukunftssektor
Auch das Sultanat Oman investiert massiv in Solar- und Windenergie sowie die Produktion von grünem Wasserstoff. Im Zuge der Oman Vision 2040 sind sie bestrebt, bis 2050 Netto-Null-Emissionen zu erreichen und langfristig eine Kreislaufwirtschaft zu implementieren, um eine nachhaltige und zukunftsorientierte Wirtschaftsstruktur aufzubauen. So hat die staatliche omanische Gesellschaft Nama PWP eine Ausschreibung für ein wegweisendes 1-Gigawatt-Kraftwerk gestartet, das Solarenergie, Windkraft und modernste Batteriespeicher miteinander kombiniert, um rund um die Uhr stabilen Ökostrom zu liefern. Ergänzt wird diese Strategie durch die staatliche Gesellschaft Hydrom, die gigantische Wüstenflächen für den globalen Export von grünem Wasserstoff koordiniert.
Wirtschaftsdiversifizierung, Exportlogik und internationale Positionierung
Allen drei Staaten gemeinsam ist der Wunsch, ihre Wirtschaft zu diversifizieren und sich als Vorreiter in zukunftsträchtigen und wirtschaftlich profitablen Sektoren zu positionieren. Hinzu kommt die wirtschaftliche Logik, dass jeder fossile Brennstoff, der nicht für den eigenen Energieverbrauch genutzt wird, gewinnbringend exportiert werden kann. Dies macht den Ausbau erneuerbarer Energien aus mehreren Perspektiven attraktiv. Gleichzeitig dient er der internationalen Positionierung als Staaten, die sich für Nachhaltigkeit, Innovation und Umweltschutz engagieren.
Mehr als Klimapolitik: Die Energiewende als geopolitisches Projekt
Dieses Charakteristikum ist vielen Pfeilern ihrer ambitionierten Zukunftsvisionen gemeinsam: Sie erfüllen mehrere Zwecke gleichzeitig und stärken sowohl die einzelnen Länder als auch die gesamte Region auf multidimensionale Weise. Für europäische Staaten und die Privatwirtschaft ergeben sich daraus enorme Chancen. Die Europäische Union hat erst kürzlich eine neue Energiepartnerschaft mit den Golfstaaten angekündigt. Das Projekt trägt den Namen Trans-Mediterranean Renewable Energy and Clean Tech Cooperation (T-MED) und soll die wirtschaftliche Entwicklung der EU fördern, die Dekarbonisierung beschleunigen und die Energiesicherheit stärken.
Diese Ziele haben insbesondere seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine an Dringlichkeit gewonnen. Die Zusammenarbeit mit den Golfstaaten im Bereich der erneuerbaren Energien kann die Europäische Union bei ihren Bemühungen unterstützen, ihre Energieimporte zu diversifizieren und bestehende Abhängigkeiten abzubauen. Die Energiewende wird zunehmend als geopolitisches Projekt verstanden. Die EU versucht daher, neue Energiepartnerschaften mit den Staaten Nordafrikas, des Nahen Ostens und der Golfregion aufzubauen, um ihre Energieversorgung langfristig zu sichern. Dabei kann sie auf bereits bestehende Energieinfrastrukturen sowie auf die erheblichen Investitionskapazitäten der Golfstaaten zurückgreifen.
Die Transformation ist keine Vision mehr ... sie findet bereits statt
Was die Golfstaaten erkannt haben, ist, dass der Sektor der erneuerbaren Energien enormes Potenzial bietet. Was die Vereinigten Arabischen Emirate bereits seit 2006 im großen Stil vorantreiben, greifen mittlerweile immer mehr Akteure auf. Es handelt sich längst nicht mehr um eine bloße Vision. Die Transformation findet bereits statt und die Europäische Union ist bestrebt, Teil dieser Entwicklung zu werden.
Die Golfstaaten sind heute nicht mehr ausschließlich Exporteure fossiler Brennstoffe. Vielmehr positionieren sie sich zunehmend als Anbieter von Technologien, Investitionen und Infrastruktur für die globale Energiewende. Sollten wir uns daher auf die Motive hinter diesem Wandel konzentrieren oder vielmehr auf die Effektivität, die eine Zusammenarbeit für die Erreichung unserer gemeinsamen Umwelt- und Klimaziele haben kann? Auf die Chancen, welche eine Zusammenarbeit dem privaten Sektor eröffnet? Und die Möglichkeiten, die es Europa bietet, international wieder an Stärke zu gewinnen?
Zu Tage tritt vor allem eines: Die Europäische Union betrachtet die Golfregion nicht mehr nur als Lieferanten, sondern zunehmend als wichtigen Partner.
Clara Lerpscher hat Islamwissenschaft studiert und spezialisiert sich im Bereich der internationalen Beziehungen auf die MENA-Region. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in der Analyse außenpolitischer Strategien der Golfstaaten, regionaler Machtverschiebungen sowie der geopolitischen Beziehungen an der Schnittstelle zwischen Europa, Asien und Afrika. Darüber hinaus beschäftigt sie sich mit den Auswirkungen dieser Dynamiken auf Energiepolitik, wirtschaftliche Transformation und internationale Kooperationen. Ziel ihrer Arbeit ist es, komplexe Entwicklungen verständlich einzuordnen und ihre strategische Bedeutung für Politik, Wirtschaft und internationale Akteure aufzuzeigen.
